Dieter. Das ist mein Vorname.

Vielleicht in der Lautung etwas hart; das «t» dominiert stark, die hellen Vokale wirken irgendwie grell und gleichzeitig folgt der ersten hohen, betonten Silbe ein Abstieg in die Niederungen des «trrrrr», dessen Aussprache an einen sich fürchtenden oder zumindest frierenden Menschen erinnert. Das ist mein Vorname. Ich bin zufrieden mit ihm. Er liegt momentan nicht unbedingt im Trend, zugegeben. Aber meine Eltern haben sich vor nun doch einigen Jahrzehnten (!) grosse Mühe gegeben, einen zu mir passenden Namen zu finden, obwohl sie mich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht kannten. Diesen Namen trage ich lebenslänglich.

Das Finden eines passenden Vornamens ist noch heute ein wichtiger Vorgang, vielleicht sogar einer der ersten Momente, in denen sich die zukünftigen Eltern erstmals einer gewissen Belastung ausgesetzt sehen. Es gilt,Verschiedenstes zu berücksichtigen:

Natürlich muss der Name dem Trend der Zeit entsprechen, darf aber nicht zu trendy sein, weil Trends ja wieder verschwinden – wie all die Kevins aus den 90er-Jahren. Also muss der Name zeitlos alles überdauern. Gleichzeitig muss er die Individualität des neuen Erdenbürgers betonen, der ist schliesslich etwas Spezielles und darf nicht Teilmenge eines inflationär verwendeten Namens sein – wie all die Ursulas und Marias aus den 60ern. Heutige Namen sind oft einzigartig, die Kreativität kennt keine Grenzen, da tauchen dann plötzlich Namen auf wie Lo, Fe, Amen oder Uel! Der Name sollte kurz sein, aber doch aus zwei Silben bestehen: Emma, Noe, Luca, Liam, Sofie… erfüllen diese Forderungen und sind dementsprechend heute sehr beliebt. Nur dürfen sie nicht zu beliebt werden, weil ja dann wieder die Individualität…

In diesem Fall greift man doch eher wieder auf einen traditionellen Namen zurück: Emma, Hanna oder vielleicht sogar Gustav? Und damit verblüfft man gleichzeitig die Verwandtschaft, indem man mit dem Vornamen an ein längst verschollenes Familienmitglied erinnert; ist man unsicher, aber kompromissfähig, lässt er sich immer noch als Zweitnamen verwenden. Und dann immer diese elenden Quervergleiche! «Was, du willst unser Kind Nora nennen? – Nora ist spanisch und heisst «kleine, scharfe Paprikaschote»! – War das nicht ein Sturmtief vor etwa 20 Jahren? – Nora, das Theaterstück von Ibsen endet in einer Tragödie! – Und mein Gott, ich kannte einmal eine Nora, und das war eine so…!»

Nora fällt weg. So ergeht es vielen Namen. So reiben sich die werdenden Eltern auf, verzweifeln! Wenn sie den Namen ihres Kindes bekanntgeben, werfen sie unsichere, zaghafte Blicke in die Runde, jede Gesichtsregung sofort interpretierend erwarten sie letztendlich doch Zustimmung: «Jö, so schön!»

Dieter. Das ist mein Vorname. Ich werde heute wohl kaum mehr einem Dieter im Sandkasten begegnen, aber aus dem Alter bin ich sowieso raus. Also, ich bin zufrieden mit ihm.

 

Dieter Schlachter

 

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